100 Jahre
Erinnerungen
Persönliche Erinnerungen an August Belz



Werner Volland: Zum 100. Geburtstag des Stifters

Br:. August gab wenig auf Äusserlichkeiten, und seine Formen waren keine eigentlichen Formen, sondern sie waren er selbst. Allem Künstlichen und Unnatürlichen war er abhold und fremd. Einfach und bescheiden, zurückhaltend im Urteil über andere und immer an den eigenen vermeintlichen Schwächen messend, freundlich im Wesen, gütig und grossmütig in der Grundhaltung lernten wir ihn in der L:. Humanitas in Libertate kennen.

 

Gleich einer Sonne mit ihren lebensspendenden Strahlen gab er Wärme, und man musste sich in seiner Umgebung wohl und behaglich fühlen. "Man sagt," so heisst es in seinem mit 33 Jahren von ihm verfassten Lebenslauf, "ich sei die Ruhe selbst, und ich finde es als Nachteil, dass ich mich nicht aufregen und jemandem die Meinung sagen kann."

 

Anpassungsfähig und fern von jeder Schwerfälligkeit und Pedanterie, hatte er immer schnell begriffen, worauf es ankam und keine Zeit für unwichtige Nebensächlichkeiten verloren.

 

So typisch für seine Unternehmenslust und seine Einfälle mag sein seinerzeitiger Lesestoff gewesen sein. Er las in jungen Jahren Nietzsche, den er, wie er sagte "interessant" fand. Goethe gehörte selbstverständlich auch in seine Hausbibliothek. Tolstoi, Dante und Homer "gefielen" ihm nach seinen Worten. Eine kleine Körner-Ausgabe "Lebensweisheit der Griechen" lag stets auf seinem Nachttisch.

 

August schrieb in seinem Lebenslauf, dass er auch etwelchen Humor besitze, ihn aber als sarkastisch bezeichne. Nach seiner liebsten Tätigkeit gefragt, antwortete er: "Reisen, reisen, und nochmals reisen, je weiter, je lieber!"

 

Aber noch fehlen viele Steine im Mosaik zur Beschreibung von August Belz. Hier beginnen nun auch die Rätsel und die Schwierigkeiten, ihn zu erkennen. Seine Zurückhaltung in der Aussage seelischer Momente könnte dazu verleiten, ihn einfach als einen weisen Menschen mit einer vornehmen Geisteshaltung und einem reichen Herzen zu bezeichnen. Damit wäre man ihm jedoch noch nicht gerecht geworden.

 

Im griechischen Dichter Menander erkennen wir August Belz: "Darin besteht des Lebens Wert, nicht für sich allein zu leben. Willst Du glücklich sein im Leben, trage bei zu anderer Glück, denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück."

 

Auch aus den freimaurerischen Ritualen schöpfte er Kraft für sein Denken und Handeln. Durch Liebe ist der Mensch seinem Mitmenschen am nützlichsten und erreicht auf die würdigste Weise den Zweck seiner Bestimmung. Selbsterkenntnis und nicht eitle, verderbliche Selbstbespiegelung, ist die erste und wichtigste Bedingung zur Vervollkommnung. Aus ihr erwächst die Selbstbeherrschung und in dieser wächst die Macht des Mannes und die Nützlichkeit seiner Arbeit. Sie ist es, die ihm die Herzen seiner Mitmenschen öffnet, sie macht ihn tauglich, Liebe zu säen und Liebe zu ernten. Die Liebe ist der Lohn und die Krone der Selbstveredlung. Was in Liebe erreicht werden kann, wird weder der Gewalt, noch der Herrschsucht möglich sein. Nicht herrschen, sondern dienen, war sein Ziel, dienen mit all seiner Liebe und all seinen Kräften, um den Sieg über sich selbst zu erringen.

 

Hier stossen wir auf das Credo und die Offenbarung des tiefgründigen August Belz. Es ist nicht der passiv gute Mensch, der nur niemandem etwas zu Leide tun will, sondern der aktive Christ, der Taten vollbringt, der stille, aber beharrliche Kämpfer, der mit all seinen Kräften begeistert und ausdauernd für echte Menschenwürde eintritt, einer der sich praktisch betätigt und sich vor nichts scheut. Er muntert nicht nur Gleichgesinnte zu seinem Kampf auf, sondern begibt sich selbst auf alle Ebenen und reicht im unerschütterlichen Glauben an das Gute allen die Hand. Dabei nimmt er Schmähungen in Kauf.

 

Da mag der Schlüssel zum Geheimnis des Lebens von Br:. August liegen und ist manches zu finden, was nicht immer gleich verstanden wurde. Nur widerwillig und nur karg äusserte er sich über Belangen, Gedanken und Vorhaben, deren Ziel er zwar genau kannte, aber noch keinen Weg dazu sah, und über alle Dinge, mit denen er seine Mitmenschen nicht belasten wollte. Hier kommt seine angeborene und vom Leben zusätzlich geprägte Bescheidenheit zum Vorschein. Wurden seine Güte und sein Vertrauen auch oftmals missbraucht, so war daraus niemals Bitternis entstanden. Vielmehr suchte August wieder und wieder zuerst bei sich selbst. Dann wurde Bescheidenheit zur Scham, zu einer Scham, die eigentlich andere hätten tragen müssen. Er war ein wahrhaftiger Christ.

 

August Belz hat uns viel hinterlassen, allem voran sein Vorbild.

 

Der Stifter der Bibliotheca Masonica betrieb in Deutschland eine Ladenkette. Seine Besuche der Filialen, deren Netz sich über ganz Deutschland erstreckte, verband er oft mit dem Besuch von Buchantiquariaten. Durch das Verbot der Freimaurerei in Deutschland während des 2. Weltkrieges gingen manche Titel aus der Freimaurer-Literatur in diese Antiquariate. August Belz kaufte sie gezielt auf und erwarb sich damit im Verlaufe der Zeit eine beträchtliche Sammlung, die später den Grundstock für die Stiftung bildete.



Maria Geldmacher-Belz: Gedanken und Erinnerungen an meinen Vater

August Belz - ich war sechzehneinhalb Jahre alt, als mein Papi in den frühen Morgenstunden des 27sten Dezembers 1971 bei uns zuhause im Mariatal seinem Krebsleiden erlag. Als ich aus dem Fenster blickte, sah ich, wie das alte Badehaus lichterloh brannte. Damit ging eine Epoche zu Ende, die mich zutiefst geprägt hatte.

 

Wenn ich an meinen Vater zurückdenke, so tauchen vor meinem inneren Auge ganz viele Bilder auf und ich spüre die Ruhe, die von ihm ausging. Er war kein Mensch grosser Worte. Er hat seine Ueberzeugungen gelebt und damit bei allen Menschen, die ihn kennenlernten, Respekt erzeugt und nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Ich weiss von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten, die aufgrund unterschiedlicher Ansichten nicht mehr miteinander verkehren, aber wenn die Rede auf August Belz kommt, so spricht jeder voller Hochachtung von ihm.

 

Seit 1991 nehme ich als Familienmitglied an den Sitzungen des Stiftungsrates der Bibliotheca Masonica August Belz teil. Ich staune, mit welch ungebrochener Begeisterung die Vertreter der Logen und der Kantonsbibliothek Vadiana die Sammlung Maurerischer Literatur im Sinne meines Vaters äufnen und der Oeffentlichkeit zugänglich machen. Leider werden weder der grosse persönliche Einsatz der Beteiligten noch die Bücher selbst nach aussen sichtbar, so dass wir immer wieder nach Mitteln suchen, auf unsere Freimaurerbibliothek aufmerksam zu machen. Aus diesem Kontext heraus entstand die Idee, zum 100sten Geburtstag von August Belz die Persönlichkeit des Gründers durch biographische Erinnerungen und anhand seiner Schriften bekannt zu machen. Letzteres erwies sich als recht schwierig, da weder in der Loge 'Humanitas in Libertate' noch bei uns in der Familie Baurisse oder Briefe zu finden waren. Es ist vor allem Herrn Dr. Serge Leuzinger zu verdanken, dass er durch unermüdliches Nachforschen Schriftkopien aufstöbern und zur Gedenkschrift verarbeiten konnte.

 

Dr. Leuzinger gestand mir, durch das Sammeln und Studieren vorliegender Schriften ein völlig neues Bild von Bruder August erhalten zu haben. Und genau dies erhoffe ich mir: dass das Lesen des Buches helfen wird, die vielen Facetten aufzuzeigen, die die Persönlichkeit von August Belz ausmachten.

 

Als meinen Beitrag möchte ich mit Worten einige Bilder nachzeichnen, die sich mir als Mädchen und Tochter eingeprägt haben.

 

Sonntagmorgen: klassische Musik ertönt und auf dem Tisch steht ein frischer Blumenstrauss: Papi ist soeben vom Fünfländerblick zurückgekehrt, auf den er in aller Herrgottsfrühe hinaufgewandert ist. Jetzt schrubbt er seine alten, genagelten Bergschuhe über der Badewanne, während ich langsam wach werde und meine Mutter den Morgenkaffee kocht.

 

Winter: Wir sind durch den verschneiten Wald den Berg hinuntergeschlittelt. Zuletzt stapfen wir durch tiefen Schnee nach hause und Papi hält mein Händchen ganz fest in seiner grossen, warmen Hand. Daheim zieht er eine blutdurchtränkte Socke aus. Ein Nagel hatte sich die ganze Zeit in seinen Fuss gebohrt, doch Papi hatte sich nichts davon anmerken lassen. Er nahm sich selber nicht so wichtig.

 

Wochenende: Papi sitzt in seinem Stuhl, auf jedem Knie ein Kind. Voller Vergnügen liest er meiner Cousine und mir aus dem dicken roten Wilhelm-Busch-Buch die Streiche von Max und Moritz vor.

 

Zwei andere Lieblingsgeschichten erzählte er uns auch immer mal wieder: "Die Bremer Stadtmusikanten“ und "Von dem Fischer un syner Fru“. So hiess denn eines seiner Motorboote bezeichnenderweise "Ilsebill“, die Frau, die nicht so will, wie ich wohl will!

 

Mein Vater hatte sein Geschäft auf der anderen Seite des Bodensees, in Friedrichshafen. Im Sommer fuhr er mit seiner "Ilsebill“ zur Arbeit, doch wenn es nachmittags stürmte, so erlebten wir oft, dass er vom Seerettungsdienst heimgeschleppt wurde. Erst als er das grosse Kanonenboot "Annina“ erworben hatte, trotzte er Wind und Wetter und kam immer sicher heim. "Annina", so hiess auch meine Mutter.

 

Die letzte Fahrt auf der „Annina“: Papi ist vom Krebs gezeichnet, abgemagert und müde. Er sitzt auf der Abdeckung der Ankerwinsch, vorne auf dem Deck.

 

Ich stehe am grossen Steuerrad und habe den Auftrag, das Schiff genau 0 Grad Nord nach Friedrichshafen zu steuern. Die "Annina“ fährt unter deutscher Flagge, sie muss zurück in ihren Heimathafen.

 

Norden, für die Hindus der Ort der Klarsicht und Einsicht, für die Indianer wirkt im Norden die Kraft der Erneuerung und der Reinheit. Im Norden findet die Transformation vom äusseren Tod zum inneren Leben statt, und nach Norden sind wir gefahren...

 

Rituale:

 

Wenn ich an Papi denke, denke ich an Rituale. Ich sehe ihn vor mir, wie er seine Hände umständlich und gründlich im Wasserbecken wäscht oder wie er in sein grosses, rotes Taschentuch schneuzt und dieses danach sorgfältig wieder neu faltet.

 

In jüngeren Jahren machte er in aller Frühe auf dem Schlafzimmerboden seine Yogaübungen und beendete sie mit einem Kopfstand. Später ging er jeden Morgen, Sommer und Winter, barfuss hinter die grosse Mauer im Mariatal und führte seine Turnübungen dort aus. Noch Jahre nach Papis Tod wuchs an der Stelle, wo er gestanden hatte, kein Gras mehr. Der Boden war vom Salz seines Schweisses getränkt.

 

Einmal in der Woche legte Papi einen Knobeltee-Tag ein und einmal im Jahr ging er zur Kur nach Gais oder in den Schwarzwald, um Fasten und Bewegung miteinander zu kombinieren.

 

Meditation und Askese, innere und äussere Reinigung und Bewegung hatten einen festen Platz in Papis Leben.

 

Fast rituell war auch die Weise, wie er die verschiedenen Bereiche seines Lebens voneinander trennte. Es gab die Welt der Familie, die Geschäftswelt, die Freimaurer, den See und alles, was damit verbunden war, die Briefmarkensammlung und Papis Bibliothek. Die Menschen dieser Welten kannten sich zwar teilweise, aber was August beschäftigte, blieb innerhalb des entsprechenden Bereiches. Ich weiss, dass meine Mutter manchmal unter dieser scharfen Trennung litt, vor allem wenn meinen Vater Sorgen plagten, die sie gerne mit ihm geteilt hätte, und August einfach schwieg.

 

An der Abdankung, da kamen dann alle zusammen: Familienmitglieder und Geschäftspartner, Angestellte und Freunde, Freimaurer und Kapitäne, die Freidenker der alten Garde und die Idealisten der heranwachsenden Generation. Dieses Erlebnis beeindruckte mich nachhaltig, denn es wurde mir damals offenbar, wo Papi überall still gewirkt und wie vielen Menschen er dadurch etwas gegeben hatte.

 

Oft habe ich darüber nachgedacht, warum mein Vater seine Lebensbereiche trennen wollte. Vielleicht war es ihm wichtig, konzentriert bei einer Sache zu verweilen und sich weder ablenken zu lassen, noch Dinge zu vermischen, die nichts miteinander zu tun haben. Sicher wollte er seine Familie geniessen und sie nicht mit Geschäftsangelegenheiten belasten, auch wenn Geschäftsbesucher in der Familie willkommen waren, genau so wie Freimaurerbrüder zu Bootsfahrten eingeladen wurden und ich als Kind im Büro Marken kleben und Briefe stempeln durfte. Die Menschen kannten sich.

 

Die Texte jedoch, die in der Gedenkschrift vorliegen, waren mir vollkommen unbekannt. Ich möchte mich bei all jenen von Herzen bedanken, die dazu beigetragen haben, dass dieses Buch erscheinen konnte, denn sie haben mir damit noch eine weitere Welt meines Vaters, die Welt seiner Gedanken, erschlossen!




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Letzte Aenderung:  15:13 30/11 2007